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name: krisenstadien-stakeholder-strategie-ergebnis-liquiditaet
description: "IDW S 6 Krisenstadien-Diagnostik: Stakeholder-, Strategie-, Produkt-, Ertrags- und Liquiditätskrise — Erkennungsmerkmale, Diagnose-Checklisten je Stadium, Handlungskorridore und Eskalationspflichten."
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# Krisenstadien-Diagnostik — IDW S 6 Stadienlehre

Die Stadienlehre des IDW S 6 ist mehr als ein akademisches Ordnungsraster. Sie ist das Diagnose-Werkzeug, das den Zeitpunkt der Krisenintervention bestimmt — und damit auch den Zeitpunkt, ab dem § 1 StaRUG greift, ab dem Berater warnen müssen und ab dem der Geschäftsführer sein Pflichtenprofil neu kalibrieren muss. Wer das Stadium falsch einschätzt, handelt zu spät — und verliert den Zugang zu den effektiven Sanierungswerkzeugkästen.

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## Rechtsgrundlagen

- IDW S 6 Tz. 12 ff. (Stadienmodell der Unternehmenskrise)
- § 1 StaRUG (Früherkennungspflicht — schon ab Stakeholderkrise relevant)
- § 18 InsO (drohende Zahlungsunfähigkeit — Liquiditätskrise als Schwelle)
- § 17 InsO (eingetretene Zahlungsunfähigkeit)
- § 19 InsO (Überschuldung)
- § 29 Abs. 2 StaRUG (Zugangsschwelle: drohende ZU muss vorliegen)
- BGH IX ZR 285/14 (frühzeitige Krisendiagnose als Beraterpflicht)

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## Pflichten

### 1. Das fünfstufige Stadienmodell

IDW S 6 unterscheidet fünf Krisenstadien, die in der Praxis selten trennscharf sind und sich überlappen können:

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STADIUM 1: STAKEHOLDERKRISE
  Definition: Vertrauensverlust bei wesentlichen Stakeholdern
              (Gesellschafter, Banken, Schlüsselkunden, Lieferanten, Mitarbeiter)
  Zeitlicher Vorlauf vor Insolvenz: typisch 3-8 Jahre
  StaRUG-Relevanz: § 1 StaRUG grundsätzlich schon auslösbar

STADIUM 2: STRATEGIEKRISE
  Definition: Erosion des strategischen Wettbewerbsvorteils
              (Marktposition, Technologievorsprung, Kundenloyalität)
  Zeitlicher Vorlauf: typisch 2-6 Jahre
  StaRUG-Relevanz: § 1 StaRUG-Pflicht klar ausgelöst, wenn existenzgefährdend

STADIUM 3: PRODUKT-/ABSATZKRISE
  Definition: Nachfragerückgang, Marktanteilsverlust, Preisverfall
              ohne korrigierende strategische Reaktion
  Zeitlicher Vorlauf: typisch 1-4 Jahre
  StaRUG-Relevanz: Erhöhte Eskalationspflicht, § 102 StaRUG für Berater

STADIUM 4: ERTRAGSKRISE
  Definition: Nachhaltig negatives EBIT/EBITDA, Verlustakkumulation,
              Eigenkapitalverzehr
  Zeitlicher Vorlauf: typisch 6-24 Monate
  StaRUG-Relevanz: Drohende ZU oft in Sichtweite, StaRUG-Zugang prüfen

STADIUM 5: LIQUIDITÄTSKRISE
  Definition: Zahlungsunfähigkeit droht oder ist eingetreten;
              Kreditlinien erschöpft, Zulieferer auf Vorkasse
  Zeitlicher Vorlauf: Wochen bis Monate
  StaRUG-Relevanz: Letztes Fenster für StaRUG; danach InsO-Pflicht
```

### 2. Die kritische Schwelle: Wann wird aus Krise ein Insolvenzgrund?

```
ERTRAGSKRISE → Überschuldungsrisiko (§ 19 InsO):
  Wenn Verluste das Eigenkapital aufgezehrt haben und negative
  Fortführungsprognose vorliegt.

LIQUIDITÄTSKRISE → Drohende ZU (§ 18 InsO):
  Wenn die Liquiditätsplanung (24 Monate) zeigt, dass Verbindlichkeiten
  überwiegend wahrscheinlich nicht bedient werden können.

LIQUIDITÄTSKRISE → Eingetretene ZU (§ 17 InsO):
  Wenn fällige Verbindlichkeiten nicht beglichen werden können
  und dies nicht nur vorübergehend ist.
```

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## Vorgehen

### Schritt 1: Stadien-Schnelldiagnose (Checkliste)

**Stadium 1 — Stakeholderkrise:**
- [ ] Gesellschafter äußern grundsätzliche Kritik am Management?
- [ ] Bank hat Kreditgespräch intensiviert oder Konditionen verschlechtert?
- [ ] Schlüsselkunden haben Aufträge reduziert oder Rahmenverträge nicht verlängert?
- [ ] Schlüsselmitarbeiter haben das Unternehmen verlassen?
- [ ] Lieferanten verlangen verschärfte Zahlungsbedingungen?

**Stadium 2 — Strategiekrise:**
- [ ] Marktanteil sinkt seit mind. zwei Jahren?
- [ ] Wettbewerber haben technologischen Vorsprung aufgeholt oder überholt?
- [ ] Kundenzufriedenheitswerte (NPS, Reklamationsquote) verschlechtern sich?
- [ ] Kernprodukte/Dienstleistungen haben keine klare Differenzierungsstrategie mehr?
- [ ] Das Geschäftsmodell wurde in den letzten fünf Jahren nicht adaptiert?

**Stadium 3 — Absatzkrise:**
- [ ] Umsatzrückgang > 10 % in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen?
- [ ] Auftragsbestand sinkt unter Normalreichweite?
- [ ] Preisreduzierungen erforderlich, um Aufträge zu gewinnen?
- [ ] Produktionsauslastung unter 70 %?

**Stadium 4 — Ertragskrise:**
- [ ] EBIT seit mehr als zwei Quartalen negativ?
- [ ] EBITDA-Marge unter Branchendurchschnitt?
- [ ] Eigenkapitalquote unter 15 %?
- [ ] Verlustvorträge übersteigen 25 % des Stammkapitals?
- [ ] Working Capital steigt trotz sinkender Umsätze?

**Stadium 5 — Liquiditätskrise:**
- [ ] Kreditlinien zu mehr als 80 % ausgelastet?
- [ ] Finanzamt oder Sozialversicherungsträger werden verzögert bezahlt?
- [ ] Lieferanten auf Vorkasse oder Avale?
- [ ] Liquiditätsreichweite unter sechs Monate?
- [ ] Covenant-Verletzung eingetreten oder droht?

### Schritt 2: Stadium einordnen und Handlungsprogramm ableiten

| Stadium | Sofortmaßnahmen | Sanierungsträger | StaRUG-Werkzeug |
|---|---|---|---|
| Stakeholderkrise | Kommunikation, Governance | Management, ggf. PE | Nicht nötig |
| Strategiekrise | Strategieüberprüfung, Restrukturierung | Management + Berater | Nicht nötig |
| Absatzkrise | Vertrieb, Pricing, Portfolio | Management + Berater | Präventiv prüfen |
| Ertragskrise | Kostenstruktur, Working Capital | GF + Restrukt.-Berater | § 1 StaRUG aktiv |
| Liquiditätskrise | Cash-Management, Notfallplan, Gläubiger | GF + RA + Insolvenzrechtler | §§ 29 ff. StaRUG oder § 15a InsO |

### Schritt 3: Diagnose dokumentieren

```
STADIUM-DIAGNOSE-PROTOKOLL
Gesellschaft: [Firma]
Datum: [TT.MM.JJJJ]
Erstellt: [GF / Berater]

Erkanntes Krisenstadium: [Stadium 1-5]
Grundlage der Einschätzung:
  [ ] Analyse BWA / Liquiditätsplan
  [ ] Kundengespräche
  [ ] Bankgespräch
  [ ] Berater-Einschätzung (IDW S 6)
  [ ] Sonstiges: [___]

Überlappende Stadien: [ja / nein] — Details: [___]

Handlungsmaßnahmen:
  1. [Maßnahme, verantwortlich, Frist]
  2. [Maßnahme, verantwortlich, Frist]

Eskalation:
  Gesellschafter informiert: [ja / nein / geplant bis]
  Berater einbezogen: [ja / nein / geplant]
  StaRUG-Prüfung initiiert: [ja / nein / geplant]

Unterschrift GF: ___________________ Datum: ___________
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## Fallstricke

1. **Stadium zu spät erkannt** — die häufigste und teuerste Fehlleistung. Stakeholder- und Strategiekrise werden als „normales Marktgeschehen" abgetan, bis die Liquiditätskrise plötzlich da ist.

2. **Stadiensprünge unterschätzen** — in wirtschaftlich turbulenten Phasen kann ein Unternehmen mehrere Stadien in wenigen Monaten überspringen (z.B. externe Schocks wie Lieferkettenkrisen).

3. **Keine Aktualisierung der Diagnose** — das Stadium ist dynamisch. Was heute Ertragskrise ist, kann in drei Monaten Liquiditätskrise sein. Monatliche Re-Diagnose ist Pflicht.

4. **Beschönigung gegenüber Gesellschaftern** — wer das Stadium herunterstuft, um schlechte Nachrichten zu vermeiden, verletzt § 1 StaRUG (Unterrichtungspflicht) und riskiert die persönliche Haftung.

5. **Verwechslung mit Insolvenzeröffnungsgrund** — das Stadium der Krise ist nicht dasselbe wie ein Insolvenzeröffnungsgrund. Auch in Stadium 4 kann noch keine Insolvenzantragspflicht bestehen, wenn die Fortführungsprognose positiv ist.

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## Querverweise

- → `paragraph-1-starug-pflichten-und-24-monats-horizont` — Früherkennungspflicht nach § 1 StaRUG
- → `drohende-zahlungsunfaehigkeit-paragraph-18-inso` — Abgrenzung zur drohenden ZU
- → `fortbestehensprognose-zweistufig` — Fortführungsprognose in der Ertragskrise
- → `kennzahlenset-und-ampelsystem-starug-konform` — KPI-basierte Stadienbestimmung
- → `restrukturierungsplan-architektur-paragraph-7ff-starug` — StaRUG-Werkzeuge ab Liquiditätskrise
