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name: strafrecht-spezial-koerperliche-vermoegensgefaehrdung-untreue
description: "Konkrete Vermoegensgefaehrdung als Schadensaequivalent bei Paragraph 266 StGB. BVerfG-Linie zur Bezifferbarkeit. Risikogeschaefte Schwarze Kassen Kreditvergabe Anlageentscheidungen. Verfassungsrechtliche Grenzen der schadensgleichen Vermoegensgefaehrdung. Revisions- und Verfassungsangriff."
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# Konkrete Vermoegensgefaehrdung vs. Schaden bei Paragraph 266 StGB

## Worum geht es konkret

Bei der Untreue (Paragraph 266 StGB) und auch beim Betrug (Paragraph 263 StGB) hat die Rspr. lange die **schadensgleiche Vermoegensgefaehrdung** als ausreichend angesehen. Anwendungsfall: Vorstand vergibt riskanten Kredit ohne Sicherheiten; der Kredit ist im Zeitpunkt der Vergabe noch nicht ausgefallen, aber bilanziell teilweise wertlos.

BVerfG 23.06.2010 (2 BvR 2559/08) hat klargestellt: Die schadensgleiche Vermoegensgefaehrdung verletzt das Bestimmtheitsgebot (Paragraph 103 Abs 2 GG), wenn der Schaden nicht konkret beziffert werden kann. Damit wurde der Anwendungsbereich verfassungsrechtlich eingeengt.

In der Verteidigung ist die Linie zentral: Wenn der Schaden nur als "abstrakte Gefahr" beziffert wird, kann das Urteil verfassungsrechtlich angegriffen werden.

## Tatbestand im Detail

### BVerfG-Linie 2010

BVerfG verlangt:

- **Konkrete bilanzielle Bezifferung** des Schadens,
- **Sachverstaendige Methode** (Bilanzierung, Wertberichtigung),
- **Keine Pauschalierung** durch blosse Risikoeinschaetzung.

Die Entscheidung hat folgende Konstellationen erfasst: **Schwarze Kassen** (Untreue durch Anlage von Mitteln in geheimen Konten) und **Risikogeschaefte** (Untreue durch riskante Investitionen ohne Sicherheiten).

### Konkrete Vermoegensgefaehrdung als Schaden

Voraussetzungen:

- **Konkretheit der Gefaehrdung**: nicht bloss abstrakte Moeglichkeit, sondern nachweisbares Risiko.
- **Quantifizierung**: Risikoabschlag muss prozentual oder absolut messbar sein.
- **Wirtschaftliche Bewertung**: Methoden der Bilanzierung (IFRS, HGB, Liquidationswert, Fortfuehrungswert).

### Anwendungsbeispiele aus BGH-Linie

- **Schwarze Kassen**: Selbst geheime Konten ohne aktuelle Vermoegensminderung koennen Schaden darstellen, wenn der Mittelabfluss ausserhalb der ordentlichen Buchung erfolgt.
- **Risikokredite**: Wertberichtigung als Schaden anerkannt, aber konkret zu beziffern.
- **Anlageentscheidungen**: Bei Investitionen in Hochrisiko-Anlagen (Subprime, Derivate) ist die Bewertung der Risiken zentral.

### Subjektiver Tatbestand

Vorsatz muss die *Gefaehrdung* erfassen, nicht den endgueltigen Schaden. BGH staendige Rspr.: Wer in der Risikohoehe irrt, kann Eventualvorsatz auf Vermoegensgefaehrdung haben.

## Praktikertipps der alten Hasen

- **Schadensbeziffrung in der Anklage pruefen.** Wenn die Anklageschrift den Schaden nur abstrakt benennt ("erheblicher Vermoegensverlust"), Antrag auf Praezisierung. Ohne konkrete Bezifferung verletzt das Verfahren das Bestimmtheitsgebot.
- **Sachverstaendiger einholen.** Bei Risikogeschaeften ist Wirtschaftspruefer-Gutachten unverzichtbar. Methodendiskussion (IDW S 6, IDW PS 800) bestimmt das Ergebnis.
- **Wertberichtigungs-Argument.** Verteidigung argumentiert: Wertberichtigung in der Bilanz war im Tatzeitpunkt zu hoch. Mit ex ante-Sicht (Marktbedingungen, Zinslage, Sicherheiten) realistischer Wertansatz.
- **Spiegelbild-Vorteil.** Risikogeschaeft hat oft Vorteile (Erhaltung des Kunden, Zinsgewinn, strategische Position). Saldierung pruefen (BGH staendige Rspr.).
- **Vorsatz-Verteidigung.** Bei Komplexgeschaeften (Derivate, Subprime) ist subjektive Erfassung des Risikos schwer beweisbar. Verteidigung: Mandant hat das Risiko unterschaetzt; kein Eventualvorsatz.
- **Verfassungsbeschwerde.** Wenn das Urteil den Schaden nicht hinreichend beziffert, Verfassungsbeschwerde aussichtsreich. BVerfG-Linie ist Maxime.

## Trade-off-Matrix

| Pfad A Schadenshoehe angreifen | Pfad B Vorsatz auf Gefaehrdung angreifen | Empfehlung |
| --- | --- | --- |
| Bei objektiv messbarer, aber strittiger Bezifferung | Bei subjektiv schwer fassbarer Risikoeinschaetzung | Beide Pfade parallel. Verfassungsfrage in Revision. |

## Konkurrenzen

- Vermoegensgefaehrdung als Schaden gilt sowohl bei Paragraph 266 StGB Untreue als auch bei Paragraph 263 StGB Betrug. Verfassungsrechtliche Bezifferbarkeit erforderlich in beiden Tatbestaenden.
- **Paragraph 266 StGB und Paragraph 261 StGB Geldwaesche.** Bei Verbringung in schwarze Kassen ggf. Geldwaesche.
- **Paragraph 266 StGB und Paragraph 370 AO Steuerhinterziehung.** Bei steuerlicher Verschleierung Tateinheit.

## Strafzumessung und Folgen

- Schwellenwerte fuer **Regelbeispiel "grosses Ausmass"** (Paragraph 263 Abs 3 Satz 2 Nr 2 StGB iVm Paragraph 266 Abs 2 StGB): BGH ca. EUR 50.000.
- **Wertersatz nach Paragraph 73c StGB** auf konkret bezifferten Schaden.
- **Einziehung bei Gefaehrdung**: schwierig, weil keine effektive Vermoegensminderung vorliegt. BGH-Linie: Wertersatz nur, wenn Schaden konkret eingetreten oder einziehbarer Vermoegensvorteil entstanden.
- **Bewaehrung Paragraph 56 StGB**: Bei verfassungsrechtlich unsicherer Bezifferung oft Bewaehrungsfaehigkeit erhalten.

## Mustertexte

**Schutzschrift-Snippet:** "Die Anklage beziffert den Schaden mit EUR Y. Diese Bezifferung beruht auf einer pauschalen 50-Prozent-Wertberichtigung des gewaehrten Kredits. Konkrete bilanzielle Begruendung fehlt. Im Sinne des BVerfG-Beschlusses vom 23.06.2010 (2 BvR 2559/08) ist der Schaden konkret und nachweisbar zu beziffern. Pauschale Risikozuschlaege genuegen dem Bestimmtheitsgebot des Paragraph 103 Abs 2 GG nicht."

**Einlassungs-Snippet:** "Ich habe den Kredit gewaehrt im Vertrauen darauf, dass die Sicherheiten Y und Z werthaltig sind. Eine vollstaendige Wertberichtigung haette ich im Zeitpunkt der Vergabe als ueberzogen abgelehnt; meine Einschaetzung war ein Risiko von hoechstens 15 Prozent."

**Hilfsbeweisantrag:** "Es wird beantragt, Beweis durch Einholung eines Wirtschaftspruefer-Gutachtens (IDW S 6-konform) zu erheben zum Beweis der Tatsache, dass die Forderung gegen die Y AG im Zeitpunkt der Kreditvergabe am DD.MM.JJJJ mit hoechstens 20 Prozent abzuwerten gewesen waere. Die Anklage stuetzt sich dagegen auf eine 50-Prozent-Wertberichtigung ohne tragende Begruendung."

## Querverweise

- `strafrecht-spezial-untreue-266-stgb-grundtatbestand`
- `strafrecht-spezial-untreue-mosaiksteine-treubruchstatbestand`
- `strafrecht-spezial-untreue-schaden-und-bezifferbarkeit`
- `strafrecht-spezial-untreue-aktiengesellschaft-aktg-93`
- `strafrecht-spezial-bankrott-strafzumessung-und-einziehung`

## Quellen Stand 06/2026

- Paragraph 266 StGB im Wortlaut (gesetze-im-internet.de).
- BVerfG 23.06.2010 - 2 BvR 2559/08 (Bestimmtheitsgebot der Untreue; schadensgleiche Vermoegensgefaehrdung).
- BVerfG 07.12.2011 - 2 BvR 2500/09 (Anwendung auf Betrug Paragraph 263 StGB).
- BGH staendige Rspr. zur konkreten Schadensbeziffrung beim BGH-Stufenmodell.
- BGH staendige Rspr. zu schwarzen Kassen und Untreue.
- BGH staendige Rspr. zu Risikokrediten als Untreue.
- IDW S 6-Standards zur Unternehmensbewertung; IDW PS 800-Standards zur forensischen Bewertung.
- Paragraph 103 Abs 2 GG Bestimmtheitsgebot des Strafrechts.
