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name: strafrecht-spezial-kriminologie-rueckfallprognose
description: "Kriminalprognostische Verfahren: PCL-R (Psychopathy Checklist), HCR-20 (Historical Clinical Risk Management), FOTRES (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System), MPU-Kriterien. Methodische Anforderungen, Replik fuer Verteidigung bei Sicherungsverwahrung, Massregelvollzug und Bewaehrungsentscheidung."
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# Rueckfallprognose und kriminalprognostische Verfahren

## Worum geht es

Wo immer das Gericht ueber Sanktion und Lockerung entscheidet — Bewaehrungsentscheidung nach § 56 StGB, Aussetzung des Strafrests nach § 57 StGB, Anordnung der Sicherungsverwahrung nach § 66 StGB, Anordnung und Fortdauer des Massregelvollzugs nach §§ 63, 64 StGB — wird eine kriminalprognostische Einschaetzung getroffen. In schweren Faellen wird sie auf ein psychiatrisch-psychologisches Sachverstaendigengutachten gestuetzt, das mit operationalisierten Prognoseverfahren arbeitet.

Der Skill richtet sich an Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger. Er liefert die Kenntnis der drei dominierenden Verfahren (PCL-R, HCR-20, FOTRES), ihre methodischen Grundlagen und ihre Schwachstellen.

## Methodische Grundlagen

**Klassifikation kriminalprognostischer Verfahren.**
- Erste Generation: intuitiv-klinische Prognose (Eindruck der Gutachterin oder des Gutachters; empirisch schwach validiert).
- Zweite Generation: aktuarisch-statistisch (z. B. VRAG, LSI-R; rein statische Risikofaktoren).
- Dritte Generation: strukturiert-klinische Beurteilung (z. B. HCR-20, FOTRES; Verbindung statischer und dynamischer Faktoren mit fachlicher Wertung).
- Vierte Generation: behandlungsorientierte Risikobewertung mit Veraenderungsanspruch.

**Verfahren im deutschen forensischen Standard.**

1. **PCL-R (Hare Psychopathy Checklist — Revised).** 20-Item-Instrument zur Erfassung psychopathischer Persoenlichkeitszuege (interpersonal, affektiv, Lebensstil, antisozial). Hohe Punktwerte (in den USA ab 30) gelten als prognostisch ungunstig fuer Gewaltrueckfall. In Deutschland wird die PCL-R modifiziert verwendet; Cut-off-Werte unter US-Standards. Kritik: Persoenlichkeitskonstrukt mit kulturellem Bias.

2. **HCR-20 (Historical, Clinical, Risk Management 20).** Drittes-Generationen-Instrument mit drei Skalen:
   - Historical (H1 bis H10): zehn statische historische Faktoren (Gewalt-Vorgeschichte, junge Erstdelinquenz, Substanzmissbrauch).
   - Clinical (C1 bis C5): fuenf klinische Faktoren (mangelnde Einsicht, Stoerung, Impulsivitaet).
   - Risk Management (R1 bis R5): fuenf zukunftsbezogene Faktoren (Wohnsituation, Unterstuetzung, Behandlungserfolg).
   Bewertung als Niedrig, Mittel, Hoch. Standard fuer allgemeine Gewaltprognose.

3. **FOTRES (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System, Urbaniok).** Differenziertes Verfahren mit Risiko- und Therapie-Bewertungsachsen. Verwendet im Massregelvollzug und Strafvollzug.

4. **SVR-20, Static-99R** spezifisch fuer Sexualdelikte.

**Methodische Mindestanforderungen an ein Prognosegutachten.**
- Auswahl des Verfahrens muss zum Fall passen (Gewaltprognose vs. Sexualprognose).
- Aktenlage vollstaendig (Vorstrafen, Vorbehandlungen, Bewaehrungsakten).
- Exploration der Probandin oder des Probanden eigenstaendig (nicht nur Aktenlage).
- Konkrete Begruendung der Bewertungen (nicht nur Items abhaken).
- Veraenderungssensible Faktoren explizit ausgewiesen (Behandlungsfortschritt, Resozialisierung).
- Diskussion alternativer Hypothesen.
- Klare Trennung von statischen und dynamischen Faktoren.

## Praktikertipps Verteidigung

- **Verfahrenauswahl pruefen.** Wurde das richtige Verfahren angewandt? PCL-R allein ist fuer Massregelvollzug nicht ausreichend; HCR-20 oder FOTRES sollten in Gewaltkontexten herangezogen werden; Static-99R fuer Sexualdelikte.
- **Statische vs. dynamische Faktoren.** Statische Faktoren (Vorstrafen, Alter bei Erstdelikt) sind nicht veraenderbar. Dynamische Faktoren (Behandlungserfolg, soziale Situation) sind veraenderbar. Argumentation fokussieren auf positive Veraenderung in dynamischen Faktoren.
- **Punktwerte sind keine Schicksale.** Ein hoher PCL-R-Wert bedeutet nicht definitive Rueckfallneigung, sondern statistische Mehrwahrscheinlichkeit. Individuelle Schutzfaktoren koennen das Risiko reduzieren.
- **Mandant systematisch coachen fuer Exploration.** Ohne Wahrheitsverpflichtungs-Geste, aber mit klarer Selbstkenntnis und Auseinandersetzung mit der Tat. Bagatellisierung und Schuldverleugnung sind in den Verfahren stark prognostisch ungunstig.
- **Therapiebereitschaft dokumentieren.** Erfolgreich abgeschlossene oder laufende Therapie ist in HCR-20 und FOTRES positiver dynamischer Faktor.
- **Auf Vollstaendigkeit der Aktenlage pruefen.** Wenn der Gutachter nur einen Teil der Akte gesehen hat oder positive Entwicklungen ausgelassen wurden, ist das Gutachten methodisch luckenhaft.

## Trade-off-Matrix

| Strategie | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|
| Gegen-SV-Gutachten beantragen | Methodische Gegen-Expertise | Kostenaufwand, Zeit, Risiko der Bestaetigung |
| SV-Anhoerung mit Methodenkritik | Direkter Eindruck | Risiko der Festigung |
| Dynamische Faktoren mit Belegen | Veraenderbarkeit demonstriert | Aufwendige Dokumentation |
| Verfahrenswahl im Plaedoyer angreifen | Methodisch fundiert | Setzt fundierte Verfahrenskenntnis voraus |

## Verwendung im Plaedoyer

Im Plaedoyer methodisch argumentieren: "Das vorgelegte Prognosegutachten arbeitet ausschliesslich mit statischen Faktoren der ersten Generation. Statische Faktoren wie Vorstrafen und Alter bei Erstdelikt sind nicht veraenderbar. Sie blenden aber die kriminologisch wichtigste Frage aus: Hat sich das Risikoprofil des Probanden veraendert? Mein Mandant hat seit der Inhaftierung [konkrete therapeutische Massnahme] erfolgreich durchlaufen, hat in der Sozialarbeit gezeigt [Belege], hat eine Bezugsperson [Name]. Diese dynamischen Faktoren sind im Gutachten nicht hinreichend gewuerdigt. Die Prognose ist daher methodisch unvollstaendig."

## Mustertexte

**Beweisantrag Gegen-Prognosegutachten:**
"Es wird beantragt, ein weiteres kriminalprognostisches Sachverstaendigengutachten unter Anwendung des HCR-20 und FOTRES einzuholen. Das bisher vorgelegte Gutachten der Sachverstaendigen [Name] vom [Datum] genuegt den methodischen Anforderungen nicht. Konkret: [a] Es wird ausschliesslich mit PCL-R gearbeitet; dynamische Risikofaktoren sind nicht erfasst. [b] Die positiven Behandlungsverlaeufe seit [Datum] werden nicht beruecksichtigt. [c] Die soziale Aufnahmesituation nach Entlassung wird nicht geprueft."

**Mustersatz fuer Bewaehrung nach Strafvollzug:**
"Die kriminalprognostische Beurteilung des Mandanten ist guenstig. Statische Faktoren (Vorstrafen) sind unveraenderlich, sie sind aber nicht das ganze Bild. Die dynamischen Faktoren — Therapiefortschritt in [Massnahme], Aufnahme bei [Bezugsperson], Beschaeftigungsperspektive bei [Arbeitgeber] — zeigen eine deutliche Risikoreduktion. Eine Aussetzung des Strafrestes nach § 57 StGB ist verantwortbar."

## Querverweise

- `strafrecht-spezial-kriminologie-grundlagen-und-praxis`
- `strafrecht-spezial-kriminologie-tatdynamik-und-modus-operandi`
- `strafrecht-spezial-kriminologie-opferpsychologie`
- `strafrecht-spezial-aussagepsychologie-gutachten-anforderungen`

## Quellen Stand 06/2026

- Hare, R. D., Psychopathy Checklist — Revised (PCL-R), forensisch-psychologisches Standardinstrument (generisch).
- Webster, C., Douglas, K., HCR-20, Manual fuer Gewaltprognose (generisch).
- Urbaniok, F., FOTRES, methodische Grundlagen (generisch).
- Hanson, R. K., Static-99R, Sexualdelinquenzprognose (generisch).
- BGH staendige Rechtsprechung zur Anordnung und Fortdauer der Sicherungsverwahrung (Aktenzeichen mit aktueller BGH-Linie verifizieren).
- BVerfG zur Sicherungsverwahrung (BVerfGE 109, 133; konkrete Fundstelle verifizieren).
- Methodik siehe `references/methodik-buergerliches-recht.md` (entsprechend).
- Zitierregeln siehe `references/zitierweise.md`.
- Bei Verwendung im Schriftsatz: aktuelle Forschungslage verifizieren.
