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name: vorpruefung-eingriff-klassisch-modern
title: 'Stufe 0b: Liegt ein Eingriff vor?'
description: 'Für Stufe 0b: Liegt ein Eingriff vor?: ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Tatbestands- oder Anspruchsmatrix.'
author: Klotzkette
author_url: https://github.com/Klotzkette/claude-fuer-deutsches-recht/tree/main/verhaeltnismaessigkeitspruefer/skills/vorpruefung-eingriff-klassisch-modern
license: Apache-2.0
version: 0.1.0
execution_mode: open
jurisdiction: de
practice: constitutional
language: de
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# Stufe 0b: Liegt ein Eingriff vor?

> Erst wenn ein Eingriff vorliegt, stellt sich die Frage der Rechtfertigung. Eingriff ist nicht gleich Eingriff, deshalb hier zwei Pruefebenen.

## Klassischer Eingriffsbegriff

Vier kumulative Merkmale:

1. **Final** – gezielt auf die Beeintraechtigung gerichtet.
2. **Unmittelbar** – ohne dazwischengeschaltete private Entscheidung.
3. **Rechtsfoermig** – durch Rechtsakt (Gesetz, Verwaltungsakt, Urteil).
4. **Imperativ** – mit Befehl und Zwang durchsetzbar.

Klassisches Beispiel: Polizeiliche Platzverweisung nach Paragraf 34 PolG NRW. Final auf das Verlassen des Ortes gerichtet, unmittelbar durchsetzbar, rechtsfoermig per Verwaltungsakt, imperativ mit Standardmassnahmen-Bewehrung.

## Moderner Eingriffsbegriff

Jede dem Staat zurechenbare Beeintraechtigung. Entwickelt vom BVerfG vor allem für faktisch-mittelbare Eingriffe durch Informationshandeln und Subventionsentzug.

| Konstellation | BVerfG mit Schlagwort | Folge |
| --- | --- | --- |
| Staatliches Informationshandeln | BVerfGE 105, 252 (Glykol-Warnung) | Faktischer Eingriff in Art 12 GG, Rechtfertigungsbeduerftig |
| Staatliche Warnung vor Sekte | BVerfGE 105, 279 (Osho-Beschluss) | Faktischer Eingriff in Art 4 GG |
| Mittelbare Diskriminierung durch Foerderbedingungen | BVerfGE 7, 99 (Sender Freies Berlin) | Eingriff in Art 5 I 2 GG |
| Beeintraechtigung durch private Akteure auf staatliche Anstiftung | BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz) | Zurechnung als staatlicher Eingriff |
| Sozialrechtliche Sanktion | BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen) | Eingriff in Art 1 I iVm Art 20 I GG, da Existenzminimum betroffen |

## Pruefraster für den Eingriffsschritt

1. Klassisches Eingriffsmuster prüfen.
2. Wenn klassischer Eingriff verneint: moderner Eingriff prüfen (Zurechnung, Intensitaet, Finalitaet als Spiegelung).
3. Sonderfall **Schutzbereichsverkuerzung durch Dritte** mit staatlicher Mitwirkung: Drittwirkung nach BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil) und BVerfGE 89, 214 (Buergschaft) ansprechen.

## Eingriffsschwere als Vorausweis für die Stufen 3 und 4

Die Eingriffsschwere bestimmt mit, wie streng später Erforderlichkeit und Angemessenheit gepruet werden:

- **Bagatelle**: oft schon auf Geeignetheit/Erforderlichkeit grobe Vertretbarkeitskontrolle.
- **Mittlerer Eingriff**: Standardpruefung mit Vertretbarkeitskontrolle.
- **Schwerer Eingriff in Kernbereich**: Intensive Kontrolle, ggf absolute Grenzen (Art 1 I, Art 19 II GG, Existenzminimum).

## Quellen mit Schlagwort

- BVerfGE 7, 99 (Sender Freies Berlin, mittelbarer Eingriff in Art 5 I 2 GG)
- BVerfGE 7, 198 (Lueth-Urteil, Drittwirkung)
- BVerfGE 89, 214 (Buergschaft, Privatautonomie und grundrechtliche Schutzpflicht)
- BVerfGE 90, 286 (Somalia-Einsatz, Auslandseinsaetze der Bundeswehr)
- BVerfGE 105, 252 (Glykol-Warnung, Informationshandeln als Eingriff)
- BVerfGE 105, 279 (Osho-Beschluss, staatliche Sektenwarnung)
- BVerfGE 152, 68 (Hartz-IV-Sanktionen, Existenzminimum)
